{"id":153,"date":"2015-09-18T22:03:47","date_gmt":"2015-09-18T20:03:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/?p=153"},"modified":"2023-02-23T22:06:15","modified_gmt":"2023-02-23T21:06:15","slug":"sozialistische-visionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/2015\/09\/18\/sozialistische-visionen\/","title":{"rendered":"Sozialistische Visionen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\">Autor: <strong>Peter Andreas Sch\u00f6bel<\/strong><br \/>\nQuelle:\u00a0S\u00e4chsischer Freidenker 50\/2015<\/span><\/p>\n<p>Auch heuer sind wieder viele Anbieter von Baupl\u00e4nen f\u00fcr sozialistische Staatsgeb\u00e4ude unterwegs. Und sie versuchen uns klar zu machen, dass man unbedingt so einen Plan, und zwar ganz genau ihren, br\u00e4uchte, um ins neue Jerusalem eingehen zu k\u00f6nnen.<!--more-->Und oft berufen sie sich auf den sch\u00f6nen Marxschen Satz, wonach der d\u00fcmmste Baumeister der kl\u00fcgsten Biene voraus hat, dass er das Haus im Kopfe fertig habe, bevor er es baut.<br \/>\nNur leider: Keiner unserer Pl\u00e4neschmiede kennt einen Baumeister, der bereit und willens ist, nach ihrem Plan zu bauen. Vielleicht ist der Baumeister gar nicht so dumm? Denn immerhin hat er schon H\u00e4user gebaut. Auch wenn er nicht ganz klug ist: Die Baumeisterpr\u00fcfung hat er bestanden. Kann man das von unseren stolzen Plananbietern auch sagen? Oder sind das nur Pl\u00e4ne von Wolkenschl\u00f6ssern, die sie da anbieten? Beim n\u00e4heren Hinsehen zeigt sich: Es sind nicht einmal Wolkenkuckucksheime, sondern ziemlich triste Einsiedeleien, ja manchmal sogar Klosterzellen, die uns da geboten werden.<br \/>\nUnd da unsere Projektanten aus dem Elfenbeinturm keinen Baumeister finden, werfen sie ihre Glasperlen unter die S\u00e4ue &#8211; als solche betrachtet wohl ein Teil der Plan-Zeilenschinder ganz offensichtlich das gemeine Volk. Sie erwarten nun, dass sich der gemeine Mann darauf st\u00fcrze und mit Hurra-Geheul ans Aufbauwerk st\u00fcrme. So wie sie glauben, dass es einst die Leute unter Moses oder die Kreuzfahrer getan h\u00e4tten und wie es schlechte Geschichten \u00fcber sozialistische Revolutionen auch schon erz\u00e4hlt haben, wo es vor Edelmut nur so triefte. Und daher versuchen uns die Verk\u00e4ufer der schlecht gehenden Ware einzureden, wir br\u00e4uchten Visionen \u2013 ganz genau wieder die von ihnen ausgearbeiteten.<\/p>\n<p>Zwei besonders sch\u00f6ne Beispiele f\u00fcr Pl\u00e4neschmiedereien seien stellvertretend genannt.<br \/>\nDa ist zum einen Helmut Dunkhase, Diplommathematiker, der in der IT-Technik die Chance f\u00fcr einen Planungssozialismus sieht. Seine Gedanken konnte man sich in der Wissenschaftlichen Konferenz des Freidenker-Verbandes 2011 in Dresden anh\u00f6ren. Nun, nach 4 Jahren, k\u00f6nnen wir diese Theorie auch in unserer Zeitschrift &#8222;Freidenker&#8220; 2\/2015 (S. 32 ff.) nachlesen und uns erneut dar\u00fcber \u00e4rgern. Dabei ist Helmut Dunkhase durchaus noch der achtenswertere Pl\u00e4neschmied, da bei ihm die k\u00fcnftigen Menschen einen durchaus ehrenwerten Platz einnehmen und er sich um deren Bed\u00fcrfnisse sorgt. Ihnen soll sein Planungsjerusalem dienen.<br \/>\nEr hat flei\u00dfig den Marx studiert und ihn vielfach zur Begr\u00fcndung seiner Ideen angezogen. Gut, dass er dabei nicht unterscheidet zwischen gesicherten, fertig entwickelten Erkenntnissen (wie z. B. im \u201eKapital\u201c) und Hypothesen und der aktuellen Politik dienenden Argumenten. Das machen alle so, die glauben, Marx zu nennen sei Beweis genug und die glauben, Marx habe schon bei seiner Geburt alles fertig im Kopfe gehabt und im Grunde alles nur noch aufschreiben m\u00fcssen, Marx sei mit so etwas wie mit dem Unfehlbarkeitssyndrom geboren worden. Wer aber Marx gut kennt, wei\u00df sehr wohl, dass er zum Beispiel noch 1849 der Auffassung war, dass der Lohn der Preis der Arbeit ist, w\u00e4hrend er sp\u00e4ter zu der Auffassung gelangte, dass der Lohn der Preis der Arbeitskraft ist. Das kann man in \u201eLohnarbeit und Kapital\u201c sehr gut verfolgen. Hat man die Dietz-Auflage der Marxschen Werke zur Hand, sieht man, dass Engels hier nach Marx&#8216; Tod die entsprechende Korrektur vorgenommen hat. Im Internet findet sich das Werk nur in der von Engels korrigierten Fassung. Es ist also schon etwas komplizierter mit dem guten alten Marx. Marx&#8216; Theorien haben also auch ihre Geschichte, die beachtet werden will. Auch da ist die absolute Wahrheit nicht zu haben.<\/p>\n<p>Helmut Dunkhase m\u00f6chte also den Produktionsprozess effizient planen, mittels Computer, und dabei die ben\u00f6tigte Arbeitszeit zu Grunde legen. Damit versucht er eigentlich nur den unsichtbaren Zusammenhang der Warenproduktion, das Wertgesetz, sichtbar zu machen. Und er m\u00f6chte die vielen dem anarchischen Wirken dieses Gesetzes anhaftenden Verluste vermeiden. Dass dabei nur eine durchgeplante Gesellschaft herauskommen kann, die so trist ist, wie man sie sich nur vorstellen kann und in der niemand lange leben will, geht ihm dann auch auf. Also sieht er ein, dass sich die W\u00fcnsche der Menschen nicht immer durchplanen lassen und vom Plan abweichen k\u00f6nnen. Im letzten Teil seines Artikels f\u00fchrt er daher neben dem auf dem Wert (durchschnittlichen Arbeitsaufwand) basierenden Preis einen Ausgleichspreis f\u00fcr die Schwankungen von Angebot und Nachfrage ein (S. 36). Und damit ist er genau dort angelangt, wo die heutige Warenproduktion auch schon steht, blo\u00df dass er einen Millionenaufwand an Rechenkunstst\u00fccken daf\u00fcr treiben muss. Letztlich ist sein Planungssozialismus entweder pingelig-diktatorisch, weil kein Ausb\u00fcchsen zulassend, oder teure Spielerei.<br \/>\nInteressant ist, dass Helmut Dunkhase auch Robert Owen und seine Versuche erw\u00e4hnte (S. 35). Da sollte man schon wissen, dass dem am Ende die Leute weggelaufen sind (so wie sp\u00e4ter der DDR) und er zu der Einsicht kam, dass diese Leute im Grunde seine Sklaven waren.<br \/>\nIrgendwo wei\u00df Helmut Dunkhase auch, dass es nicht nur an der richtigen Verteilung liegen kann, sondern dass das Ganze etwas mit Eigentum zu tun hat (S. 37). Aber genau diese entscheidende Richtung verfolgt er nicht weiter und begn\u00fcgt sich damit, dass ein Eigent\u00fcmerwechsel ausreichend sei. Dass es aber um das Wesen des Eigent\u00fcmers und dessen Agieren und nicht um dessen Namen geht, merkt er genauso wenig, wie das viele vor ihm gemerkt haben. Dar war Lenin in \u201e\u00dcber linke Kindereien und Kleinb\u00fcrgerlichkeit\u201c (1918) aber schon weiter.<\/p>\n<p>Ein anderer Vertreter sozialistischer Visionen ist Klaus Blessing, Diplombetriebswirtschaftler, Doktor der \u00d6konomie, ehemaliger ZK-Abteilungsleiter und in der Wendezeit stellvertretender Minister. Er hat 2014 das Buch \u201eDie sozialistische Zukunft\u201c (edition berolina. Berlin) verfasst, in dem er begr\u00fcndet, dass wir den Sozialismus brauchen und in dem er das seiner Meinung nach richtige Grundger\u00fcst f\u00fcr diesen liefert. Offen gesagt, beim n\u00e4heren Hinsehen zeigt sich, dass sein Zukunftsbild alles andere als erfreulich ist. Ja es fragt sich sogar, ob es so viel besser, als die die Gegenwart ist. Denn wer ihm folgt, tauscht die heutige ungerechte gegen eine bevormundende und stagnierende Welt ein.<br \/>\nMit seinem Fach, der \u00d6konomie, scheint er auf erheblichen Kriegsfu\u00df zu stehen. So vertritt er die Auffassung, dass die DDR bei ihrem Ende keine Schulden gehabt h\u00e4tte (S. 79 ff.), weil sie ja im Osten mehr offene Forderungen als im Westen Verbindlichkeiten hatte. Dass man im Westen nicht gut mit Ostgeld bezahlen und daher das eine nicht gegen das andere aufrechnen konnte, scheint er nicht zu realisieren. Den Unterschied zwischen \u00dcberschuldung und wachsenden Liquidit\u00e4tsproblemen \u2013 was im Allgemeinen weit schlimmer ist \u2013 scheint er nicht kennen. Es sollte sich doch wohl bis ins ZK herumgesprochen haben, dass die DDR zur Kreditbedienung Produkte zu Schleuderpreisen verkaufen musste.<br \/>\nGenauso vertritt er die merkw\u00fcrdige Ausfassung, dass der Kapitalismus schon deshalb in der Arbeitsproduktivit\u00e4t nicht zu schlagen sei, weil er ja Mensch und Natur mehr auspressen k\u00f6nne als der Sozialismus (am deutlichsten formuliert auf S. 242). Dass er hier nicht von der Arbeitsproduktivit\u00e4t, sondern von der Arbeitsintensit\u00e4t spricht, scheint er nicht im Entferntesten mitzubekommen.<br \/>\nAuch ist er der Auffassung, Wirtschaftswachstum bedeute immer Raubbau an Ressourcen (S. 88). Dass die DDR ein vorbildliches SERO-System hatte, dass der RGW \u00fcber geschlossene Stoffkreisl\u00e4ufe diskutiert hat, dass es \u00dcberlegungen zu ressourcen- und energiesparenden Technologien gab, ist offensichtlich vor ihm geheim gehalten worden.<br \/>\nEbenso betrachtet er die Erh\u00f6hung der Arbeitsproduktivit\u00e4t und Wirtschaftswachstum als kein lohnendes Ziel, weil es ja beim Sozialismus und Kommunismus nicht die immer bessere Bed\u00fcrfnisbefriedigung gehen k\u00f6nne (u.a. S. 87 f.). Dabei versteht er unter Bed\u00fcrfnisbefriedigung offensichtlich nur individuell-materiellen Konsum. Kulturelle Bed\u00fcrfnisse l\u00e4sst er nur ausnahmsweise durchgehen. Gesellschaftlichen Konsum und Bed\u00fcrfnisse nach Entwicklung von Bildung, Gesundheit etc. kennt er \u00fcberhaupt nicht. Dass auch diese eine feste materiell-wirtschaftliche Entwicklung ben\u00f6tigen, geht ihm nicht auf. Er potenziert damit den wirtschaftliche DDR-Hauptfehler, Stagnation, und scheint es nicht im Mindesten zu ahnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen k\u00fcnftigen Sozialismus w\u00fcnscht er sich einen Sozialismus der Gen\u00fcgsamkeit (S. 215 f.), der fernab der Weltwirtschaft und ihrer unerbittlichen objektiven Bedingungen bleibt (S. 146). Was haben sich Marx und Engels blo\u00df da ausgedacht, als sie zu der Auffassung kamen, dass globale Arbeitsteilung, globale Verflechtung Wesensmerkmal der neuesten Produktionsentwicklung (also der damaligen Industrie) sei? Nat\u00fcrlich wei\u00df er, dass man ganz ohne die Au\u00dfenwelt nicht auskommt und will daher den Wirtschaftsbeziehungen auf ein Minimum beschr\u00e4nken. Es geht ihm nicht auf, dass damit die gesamte Weltwirtschaft mit ihren Bedingungen hereinkommt und nicht aufzuhalten ist, wenn sie einmal eine T\u00fcr gefunden hat.<br \/>\n\u00dcberhaupt steht er mit Materialismus und Dialektik, der Objektivit\u00e4t gesellschaftlicher Gesetze und vielen Marxschen Kategorien, die er immer wieder benutzt, ganz erheblich auf dem Kriegsfu\u00df. Es w\u00fcrde aber viel zu weit f\u00fchren, dies hier n\u00e4her auseinanderzunehmen.<\/p>\n<p>Ganz infam ist aber Klaus Blessings Menschenbild. Als erstes beklagt er, dass der Sozialismus in der DDR davon ausging, dass der Mensch vom Prinzip gut sei (S. 16 f.). Nun wurde das in solcher Flachheit selbst von vielen Hofschranzen nicht gesagt, obwohl nat\u00fcrlich kein realistisches Bild von der Arbeiterklasse bestand, sondern ein idolisiertes G\u00f6tzenbild. Im \u00dcbrigen war es auch nicht \u201eder\u201c Sozialismus, der diese Bild pflegte, sondern das ZK der SED. Es waren Leute wie er, die diese unsinnigen und idealistischen Anschauungen streuten, die die Rolle der Arbeiterklasse nicht aus deren materiellen Wesen, sondern aus deren ideellen Charakter ableiteten, obwohl das in jedem Philosophielehrbuch anders zu lesen war. Klaus Blessing versteigt sich sogar zu der kindischen Frage: \u201eIst der Mensch gut oder b\u00f6se?\u201c (S. 15). Und er kommt zum Schluss, dass die Gier nach Besitz eine entscheidende Triebkraft der menschlichen Natur(!) sei (S. 127). F\u00fcr den modernen Menschentyp macht er den Konsumtrottel aus (S. 22). So etwas in einem Lande von sich zu geben, in dem viele Hartz-IV-Bezieher und -Aufstocker sowie viele weitere Menschen mehr schlecht als recht \u00fcber die Runden kommen und auch die, die noch eine gut bezahlte Arbeit haben, vor Arbeit nicht aus den Augen gucken k\u00f6nnen und zunehmend unter psychischen Krankheiten leiden, ist abscheulich.<br \/>\nEbenso makaber ist seine Haltung zur Arbeiterklasse. Es war das ZK, in dem er arbeitete, das die Arbeiterklasse zur Gottheit erkl\u00e4rt hatte und die Arbeiter an diesem falschen Menschenbild ma\u00df. Und Klaus Blessing nimmt diesem Ma\u00dfstab noch heute, auch wenn er ihn ablehnt und \u201eden Menschen\u201c als besitzgierig ausmacht (s. o.). So findet er, dass die Arbeiterklasse eben nicht die weltver\u00e4ndernde Rolle hat, die Marx feststellt (S. 153). Und er findet, dass die Arbeiter in der DDR ihr Eigentum nicht richtig verteidigt haben (S. 155). Von vielen Leuten bin ich bereit, mir solche Worte anzuh\u00f6ren, aber nicht von ehemaligen ZK-Mitarbeitern. Nach eigener Auffassung war die SED die Partei der Arbeiterklasse, Teil und F\u00fchrung der Klasse. Und das ZK war zweifelsfrei der Kopf der SED. Dass das ZK der SED furchtbar versagt hatte, ist wohl ebenso zweifelsfrei. Und wenn der Kopf versagt, sollte der Kopf aufh\u00f6ren den F\u00fc\u00dfen Vorw\u00fcrfe zu machen, dass sie in die falsche Richtung laufen. Der Fisch hat auch hier am Kopf angefangen zu stinken.<br \/>\nDie Arbeiterklasse hat nach Marx ihre Rolle objektiv, nicht wegen ihres charismatischen Charakters, sondern wegen ihrer materiellen Lebensumst\u00e4nde! In ihr gibt es genauso viele Heroen und Halunken, wie in jeder anderen Klasse und Schicht. Aber sie ist die einzige Klasse, die sich mit den Produktionsmitteln entwickeln muss. Die fortschrittlichsten Arbeiter sitzen heute nicht mehr im Stahlwerk oder an der Zeitungssetzmaschine, sondern vor dem Computer und haben einen Ingenieursabschluss. Sie verkaufen nicht mehr ihre k\u00f6rperliche, sondern ihre geistige Arbeitskraft an die Besitzer der entscheidenden Produktionsmittel \u2013 die Besitzer der Computernetzwerke, Programme und Daten.<\/p>\n<p>Das Problem des Verh\u00e4ltnisses zur Arbeiterklasse war im Grunde auch die Ursache des Untergangs des Sozialismus in Osteuropa, auf die Klaus Blessing trotz alles Sinnierens nicht kommt (S. 84 ff.): Die SED hatte unter dem Honecker-ZK langsam aber sicher aufgeh\u00f6rt, Teil der Arbeiterklasse zu sein. Man schaue sich doch einmal dieses ZK Person f\u00fcr Person an. Wer war da wirklich echter Arbeiter, gut gebildeter dazu, geh\u00f6rte also zur Elite der Arbeiterklasse? Oder wer war wenigstens hochgebildeter Intellektueller mit klarem Bekenntnis zur Arbeiterklasse? Erich Honecker selbst hatte zwei Jahre auf dem Bauernhof gearbeitet, eine Lehre als Dachdecker abgebrochen und zweimal einen 10-Monate-Kurs Parteischule besucht. Und das war\u2018s in Sachen Arbeiterklasse und Intellekt. G\u00fcnter Mittag, der Wirtschaftslenker, hatte sein Bahnlehre und dann in zwei Jahren Fernstudium sowohl Diplom als auch Doktorarbeit bew\u00e4ltigt. Guten Tag, Herr Guttenberg! Eine echte Verbindung zum gebildeten Teil der Arbeiterklasse, eine echte Verbindung zur fortschrittlichen Intelligenz war das sicher nicht, auch wenn man sich noch so gern als Arbeiter titulierte. Man kann es so formulieren: Mit Honecker setzte sich die kleinb\u00fcrgerliche Linie in der Arbeiterbewegung und ihren politischen Organisationen durch. Alles Weitere war die Folge: Vernachl\u00e4ssigung der nationalen Frage, Herunterwirtschaften der B\u00fcndnispolitik in Gestalt der Nationalen Front, Verwechseln von F\u00fchrung und Administration, \u00f6konomische St\u00fcmperei. Betrachtet man die Sache so, kl\u00e4ren sich die Ursachen. Da wundert man sich nicht \u00fcber den Untergang der DDR, sondern dar\u00fcber, dass die DDR unter dem Honecker-ZK so lange durchgehalten hat. Und wer SED-Mitglied war, hat der Arbeiterklasse nichts vorzuwerfen, ein f\u00fchrendes Mitglied wie ein ZK-Abteilungsleiter hat gleich gar nicht das Recht dazu! Der hat Abbitte zu leisten und zwar m\u00f6glichst praktische!<br \/>\nDie Konsequenzen aus Klaus Blessings Menschenbild sind genauso \u00fcbel wie dieses Bild: Er w\u00fcnscht die Reglementierung der Bed\u00fcrfnisse der einfachen Menschen und m\u00f6chte Bed\u00fcrfnisse daher neu definieren (S.92ff.). Klaus Blessing entgeht in seiner Abkehr vom Materialismus dabei, dass Bed\u00fcrfnisse, ehe sie subjektiver Produktionsgrund eines neuen Produktionszyklus werden, l\u00e4ngst Produkt eines vorhergehenden Produktionszyklus sind und also nicht so einfach reglementiert werden k\u00f6nnen. Aber das wollen wir ihm hier schenken. Das begreifen Anh\u00e4nger eines philosophischen Idealismus ohnehin nie. Dass es aber \u00e4u\u00dferst menschenfeindlich ist, Vorschriften \u00fcber Bed\u00fcrfnisse zu machen, sollte man ihm nicht schenken. Und gleich gar nicht, dass er dann noch den entwickelten Industriestaaten, also der westlichen Welt, ein mehr an h\u00f6heren Bed\u00fcrfnissen zuspricht als dem Rest der Welt (S. 92). Da wird es schon chauvinistisch: Erst pl\u00fcndert die westliche Welt den Rest der Welt aus und dann meint so ein M\u00f6chtegern-Sozialist auch noch, die Erfolge des Raubzugs absegnen zu m\u00fcssen.<br \/>\nBei Blessing kommt am Ende ein stagnierender Askese-Sozialismus heraus, gegen den jedes Kloster ein Hort f\u00fcr Lustbarkeiten ist. Nun sind das ja keine so ganz neuen Projekte. Schon Marx hat sich da lustig gemacht: \u201eEr proklamierte die deutsche Nation als die normale Nation und den deutschen Spie\u00dfb\u00fcrger als den Normalmenschen. Er gab jeder Niedertr\u00e4chtigkeit desselben einen verborgenen, h\u00f6heren, sozialistischen Sinn, worin sie ihr Gegenteil bedeutete. Er zog die letzte Konsequenz, indem er direkt gegen die \u201arohdestruktive\u2018 Richtung des Kommunismus auftrat und seine unparteiische Erhabenheit \u00fcber alle Klassenk\u00e4mpfe verk\u00fcndete. Mit sehr wenigen Ausnahmen geh\u00f6rt alles, was in Deutschland von angeblich sozialistischen und kommunistischen Schriften zirkuliert, in den Bereich dieser schmutzigen, entnervenden Literatur.\u201c Dies stammt aus dem Kommunistischen Manifest, (III. Kommunistische und sozialistische Literatur, 1. Der reaktion\u00e4re Sozialismus, c) Der deutsche oder \u201awahre\u2018 Sozialismus) und passt wie die Faust aufs Auge.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck findet sich niemand, der es ernstlich vorhat, die obigen Sozialismus-Visionen in die Tat umzusetzen. Die Arbeiterklasse scheint doch kl\u00fcger zu sein, als ihr einige \u201ewahre\u201c Sozialisten zubilligen wollen. Und da praktisch veranlagt, d\u00fcrften ihr andere Probleme wichtiger sein. Sicher: Zukunftsbilder sind sch\u00f6n. Aber wenn es nicht gelingt, die heutigen Probleme zu l\u00f6sen, hat die Zukunft keine Chance. Und das wichtigste heutige Problem ist der USA-Imperialismus. Die USA \u00fcberziehen in ihrem Profit- und Vorherrschaftswahn die L\u00e4nder und V\u00f6lker mit Krieg, zerst\u00f6ren Staaten und Umwelt, erzeugen eine V\u00f6lkerwanderung von Fl\u00fcchtlingen und Katastrophen. Und in Europa ist die USA dabei, Europa und Russland in einen verheerenden, alles vernichtenden Krieg zu dr\u00e4ngen. Wenn es nicht geschafft wird, dieses Problem zu l\u00f6sen und die USA von ihrem Sockel zu holen und auf die Pl\u00e4tze zu verweisen, kann man zu jeder Art von Zukunftsvorstellungen Ade sagen. Wem das aber gelingt, der ist schon auf dem Wege zu einer anderen, besseren Welt, letztlich zu einer sozialistischen Welt. Und auch wenn Klaus Blessing im VIII. Kapitel seines Buches kein gutes Haar an China lassen will: Er kann auch nicht abstreiten, dass China der USA Paroli bietet und eine entscheidende Friedensmacht ist. Was er \u00fcbersieht: Genau das sind die gegenw\u00e4rtig dr\u00e4ngendsten Fragen. Und ein Staat und eine Partei, die das bewusst in Angriff nehmen, die also Weltwirtschaft und Weltpolitik aus dem Druck der USA befreien wollen, die sind ganz sicher auf dem Weg zum Sozialismus. Allein das sollte als Gro\u00dftat anerkannt werden.<br \/>\nHumanistische Ideale sind zweifelsfrei wichtig. Was wir aber nicht brauchen, sind versponnene Sozialismusvorstellungen, sondern ein klares Verst\u00e4ndnis von den Vorg\u00e4ngen und Problemen in dieser Welt, und tatkr\u00e4ftiges Handeln zum L\u00f6sen dieser Probleme. Sozialismusvorstellungen k\u00f6nnen nicht theoretisch erdacht, sondern m\u00fcssen in der Praxis erarbeitet und erk\u00e4mpft werden. Nur wenn sich die sozialistische Bewegung und die fortgeschrittenen Teile der Arbeitenden eins sind, kann das geleistet werden, wenn also Tatkraft und Wissen zusammenfinden. Ohne Niederringen der kleinb\u00fcrgerlichen Richtungen in der sozialistischen Bewegung, die die DDR und die anderen sozialistischen Staaten vernichtet hat, und ohne Absage an linke Kindereien wird das nicht gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Peter Andreas Sch\u00f6bel Quelle:\u00a0S\u00e4chsischer Freidenker 50\/2015 Auch heuer sind wieder viele Anbieter von Baupl\u00e4nen f\u00fcr sozialistische Staatsgeb\u00e4ude unterwegs. 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