{"id":144,"date":"2015-01-25T21:45:00","date_gmt":"2015-01-25T20:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/?p=144"},"modified":"2023-02-23T21:44:32","modified_gmt":"2023-02-23T20:44:32","slug":"ich-bin-nicht-charlie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/2015\/01\/25\/ich-bin-nicht-charlie\/","title":{"rendered":"Ich bin nicht Charlie"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\">Autor: <strong>Peter Andreas Sch\u00f6bel<\/strong><br \/>\nQuelle:\u00a0S\u00e4chsicher Freidenker 49\/2015<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Inzwischen geh\u00f6rt es zum westlichen Usus, sich zuerst pr\u00e4ventiv zu entschuldigen, wenn man etwas sagt, was nicht in den Mainstream passt. Andernfalls muss man bef\u00fcrchten, mit Unterstellungen und Anschuldigungen \u00fcberh\u00e4uft zu werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Also pr\u00e4ventiv: Ich hei\u00dfe Mord nat\u00fcrlich nicht gut, schon gar nicht, um einer Religion oder anderen Weltanschauung zur Ehre zu verhelfen, sei das nun Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus. Oder gar Demokratie. <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Und schon wieder muss ich mich entschuldigen (oder besser gesagt geh\u00e4ssigen Unterstellungen vorbeugen). Nat\u00fcrlich ist Demokratie nicht per se eine Religion. Zuerst war Demokratie eine Staatsform. Daraus machte der Westen einen \u201eWert&#8220; und sp\u00e4ter einen \u201eWert an sich&#8220;, also eine Ideologie. Und jeder ward Feind, der diesen Wert nicht als \u201eabsolutes Absolutum\u201c ansah. Man unterschlug aber einerseits, dass so vieles im Leben notwendigerweise nicht demokratisch verfasst ist: Wer w\u00fcrde sich schon freuen, wenn die zum Brand herbeigerufene Feuerwehr ersten Mal die Aufgabenverteilung demokratisch ber\u00e4t? Zum anderen unterschlug man, dass man Demokratie als Staatsform l\u00e4ngst \u201eentkernt\u201c hatte. W\u00e4hrend man Demokratie zum ideologischen Oberwert machte, h\u00f6hlte man die eigentliche Staatsverfa\u00dftheit fein s\u00e4uberlich aus. In der BRD geschah das fr\u00fchzeitig, mit dem Grundgesetz. Dort hei\u00dft es in Artikel 38 Absatz 1 Satz 2 zu den Abgeordneten: \u201eSie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Auftr\u00e4ge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.&#8220; Ulkig, nicht? W\u00fcrden Sie sich einen Vertreter nehmen, ihn bezahlen und ihm dann noch garantieren, dass er ihnen bei voller Bezahlung untreu werden darf? Wohl kaum. In dem man die Verantwortlichkeit des Abgeordneten gegen\u00fcber denjenigen unterband, die ihn nominiert und die ihn gew\u00e4hlt hatten, setzte man Fraktionen \u00fcber Parteien und Abgeordnete \u00fcber den \u201eSouver\u00e4n&#8220;. So kurz ist der Weg von einem relativ n\u00fctzlichen Organisationsprinzip zu einer Religion. Nach dem die v\u00f6llige Freiheit der Abgeordneten in der westlichen Welt eines der Grunddogmen der sogenannten westlichen Demokratie geworden ist, sind Kirchgang und Wahlgang gleich wertvoll und nichts anderes als Gebetsveranstaltungen. Man kann auf positive Folgen nur hoffen. Einfluss darauf hat man kaum. Und so wurde aus der Wahlurne der Altar einer neuen Religion. Und diese neue Religion hat ihren festen Platz in der ideologischen Begr\u00fcndung von Kriegen gefunden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nun wollte ich eigentlich \u00fcber Charlie, die Emp\u00f6rung nach dem Mord an den Pariser Redakteuren und \u00fcber Heuchelei schreiben. Was hat das mit dem Vorherigen zu tun? Sehr viel! Lassen wir einmal alle Indizien und Spekulationen beiseite, die darauf hindeuten, dass es sich bei der Pariser Redaktion um eine Au\u00dfenstelle des Senders Gleiwitz oder um eine Zweigstelle des New Yorker World Traid Centers gehandelt haben k\u00f6nnte und glauben mal ganz ausnahmsweise der Presse, dass sich das so abgespielt hat, wie es von ihr dargestellt wurde. So haben in Paris Menschen in Namen ihrer Religion das getan, was die westliche Welt im Namen ihrer Demokratie-Religion in Afghanistan und Irak, in Libyen und in Syrien getan hat und immer noch tut. Ja, auch vor dem Beschuss von Redaktionen in Belgrad und in Bagdad ist der Westen nicht zur\u00fcckgeschreckt. Und 150 unschuldiger Menschen in einer einzigen Nacht umzubringen, w\u00e4re in einer wirklichen Demokratie selbst bei Irrtum zumindest das Ende der milit\u00e4rischen Laufbahn gewesen. In Deutschland ist das die Empfehlung, zum Brigadegeneral ernannt zu werden. Immer nat\u00fcrlich im Namen der Demokratie-Religion.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Mithin: In Paris ist uns, dem Westen, das widerfahren, was der Westen, und damit auch wir, anderen V\u00f6lkern tausendfach angetan haben. Das ist nicht sch\u00f6n und auch nicht angenehm. Auch von verdienter Strafe spreche ich nicht, angesichts von Toten. Aber es war &#8211; leider &#8211; \u00fcber kurz oder lang zu erwarten. Und es wird noch viel schlimmer kommen, wenn wir uns nicht besinnen. Nicht zuerst \u00fcber die T\u00e4ter von Paris sollte man sich emp\u00f6ren, sondern \u00fcber die, die den Terror in die Welt gebracht haben: die Bushs und Obamas und ihre willigen Helfer. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Damit aber bekommen die Trauerm\u00e4rsche in Paris und anderswo etwas Bedenkliches. Liefen die Menschen in Paris doch gerade den Staatsf\u00fchrern hinterher, die sich zwar als Friedensh\u00fcter aufspielen, von denen aber viele die Verantwortung f\u00fcr die Kriege der Neuzeit tragen. Das Bedenkliche besteht in der N\u00e4he dieser Demonstrationen zu jenen, die jeden 13. Februar in Dresden stattfinden und deren Teilnehmer nicht begreifen wollen, dass die Zerst\u00f6rung Dresdens ihre Ursache im deutschen Weltherrschaftsstreben und im vom Hitlerstaat ausgel\u00f6sten 2. Weltkrieg hat. Sicher liegt den meisten Demonstranten von Paris eine solche Absicht mehr als fern. Damit aber beweist sich nur, wie gut sich selbst die besten Absichten missbrauchen lassen. Und die Demonstrationen von Paris und in anderen Orten geschahen sehr zur Freude der westlichen Warlords in NATO und Pentagon, im Wei\u00dfen Haus und im Spreebogen und anderswo, wie auch der PE- und anderen -GIDA-Leitkulturchauvinisten. Das ist die Ideologie, die so recht zur Kriegsbegr\u00fcndung taugt. Die Wirkung der Demonstrationen w\u00e4re sehr viel anders gewesen, h\u00e4tten diese Demonstranten die wahren Schuldigenen benannt: die Regierungen der westlichen Welt. Und diese Regierungen schieben ideologische Begr\u00fcndungen, also die eigentlich v\u00f6llig ausgeh\u00f6hlten westlichen Werte, nur vor. Am Ende geht es ihnen nie um \u201eDemokratie\u201c, Religion und \u201eAntiterrorkampf\u201c, sondern immer um Macht, Geld und Rohstoffe. Das war auch der eigentliche Hintergrund des Antisemitismus der Hitlerfaschisten. Das aber verschweigt man heute lieber und stellt die Naziideologie lieber als rein ideologischen Irrsinn dar. Zu offensichtlich w\u00e4ren sonst die Parallelen zu heute.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u00dcbrigens empfinde ich auch den angeblichen Atheismus von Charlie Hebdo als pure Heuchelei. F\u00fcr Atheisten gibt es Gott nicht (bei Agnostikern ist seine Existenz nicht erkennbar und daher irrelevant), sind die Propheten bestenfalls historische Personen, deren Leben und Werk vor die verschiedensten Karren gespannt und gebraucht bzw. missbraucht wurden. Bibel und Koran und andere Schriften sind kulturhistorische Werke, deren Verst\u00e4ndnis sehr starken, teils gegens\u00e4tzlichen Wandlungen unterlag. F\u00fcr wirkliche Atheisten gibt es daher keine richtige oder falsche Religionsauslegung, sondern ist Religionsauslegung immer nur Spiegelbild der Verh\u00e4ltnisse unter der sie erfolgt. Ein Atheist wei\u00df also zur \u201erichtigen&#8220; Religionshandhabung nichts beizusteuern. Charlie Hebdo aber unternimmt es mit seinen Karikaturen, die verschiedenen Religionen \u00fcber deren Inhalt zu belehren &#8211; und wird so zur Partei in Religionsauseinandersetzungen, die wiederrum zur Kriegsbegr\u00fcndung herhalten m\u00fcssen. Und Charlie Hebdo besitzt zudem die inhumane Charakterlosigkeit, diejenigen mit Karikaturen durch den Kakao zu ziehen, auf denen seit Beginn des Jahrtausends alle Welt herumtrampelt und ihnen ihre Religion, den Islam, vorwirft. Die Moslems sind heute Ersatz f\u00fcr das verlorene J\u00fcdische Feindbild. Antiislamismus ersetzt Antisemitismus. Statt \u201eJud S\u00fc\u00df&#8220; nun \u201eMoslem Ali&#8220;?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nein, ich bin nicht Charlie. Und ich lasse mich auch nicht gegen andere Menschen wegen deren Ansichten aufhetzen und nehme auch nicht daran teil, andere aufzuhetzen. Und wenn ich jemanden wirklich feindlich gesonnen bin, dann sind es die, die nicht genug an Reichtum und Macht bekommen k\u00f6nnen und daf\u00fcr mit Krieg und Gewalt jede Humanit\u00e4t zertrampeln. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ich f\u00fcrchte mich vor der immer schneller vor sich gehenden Faschisisierung des Abendlandes. Immer mehr Leute lassen sich da einspannen. Aber ich bin nicht Charlie und auch kein von den westlichen Regierungen missbrauchbarer Demonstrant. Der westlichen \u00dcberlegenheitsideologie verweigere ich die Gefolgschaft.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Peter Andreas Sch\u00f6bel Quelle:\u00a0S\u00e4chsicher Freidenker 49\/2015 Inzwischen geh\u00f6rt es zum westlichen Usus, sich zuerst pr\u00e4ventiv zu entschuldigen, wenn man etwas sagt, was nicht in den Mainstream passt. Andernfalls muss man bef\u00fcrchten, mit Unterstellungen und Anschuldigungen \u00fcberh\u00e4uft zu werden. Also pr\u00e4ventiv: Ich hei\u00dfe Mord nat\u00fcrlich nicht gut, schon gar nicht, um einer Religion oder anderen Weltanschauung zur Ehre zu verhelfen, sei das nun Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus. 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