{"id":128,"date":"2013-03-15T15:17:34","date_gmt":"2013-03-15T14:17:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/?p=128"},"modified":"2023-02-23T21:06:54","modified_gmt":"2023-02-23T20:06:54","slug":"wortmeldung-zu-die-richtigstellung-der-begriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/2013\/03\/15\/wortmeldung-zu-die-richtigstellung-der-begriffe\/","title":{"rendered":"Wortmeldung zu: \u201eDie Richtigstellung der Begriffe\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Autor: <strong>Peter Andreas Sch\u00f6bel<\/strong><\/p>\n<p>Unser Verband hat sich beim letzten Verbandstag die Aufgabe gestellt, die Richtigstellung wichtiger Begriffe voranzubringen. Ohne Frage, das ist eine notwendige Aufgabe der Aufkl\u00e4rung. Und der Verbandsvorstand hat nun den von ihm selbst initiierten Beschluss verwirklicht, in dem es im Freidenker\u00a04\/12 ein Dokument zur Richtigstellung der Begriffe herausgebracht hat. In diesem Dokument hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eDeshalb bedeutet Aufkl\u00e4rung f\u00fcr Freidenkerinnen und Freidenker auch, gem\u00e4\u00df der ber\u00fchmten Lehre des chinesischen Weisheitslehrers Konfuzius zu verfahren:<br \/>\nDs\u00ef Lu sprach: \u00bbDer F\u00fcrst von We wartet auf den Meister, um die Regierung auszu\u00fcben. Was w\u00fcrde der Meister zuerst in Angriff nehmen?\u00ab Der Meister sprach: \u00bbSicherlich die Richtigstellung der Begriffe.\u00ab\u201c<sup><a href=\"#_ftn1\"><b>[1]<\/b><\/a><\/sup><!--more--><\/p>\n<h2 align=\"center\">Begriffe sind Grundpfeiler jeder Weltanschauung<\/h2>\n<p>Offensichtlich wollte auch der vor mehr als 2500 Jahre lebende Lehrmeister Kong Begriffsklarheit. Begriffskl\u00e4rungen k\u00f6nnen nach meiner Erfahrung im Rahmen sehr unterschiedlichen Denkrichtungen erfolgen. Zu welchem Zweck, in welchen Kontext aber wollte Konfuzius \u201edie Begriffe klarstellen\u201c? Lesen wir an der vom Bundesvorstand zitierten Stelle weiter:<\/p>\n<p>\u201eDs\u00ef Lu sprach: \u00bbDarum sollte es sich handeln? Da hat der Meister weit gefehlt! Warum denn deren Richtigstellung?\u00ab Der Meister sprach: \u00bbWie roh du bist, Yu! Der Edle l\u00e4\u00dft das, was er nicht versteht, sozusagen beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so wei\u00df das Volk nicht, wohin Hand und Fu\u00df setzen. Darum sorge der Edle, da\u00df er seine Begriffe unter allen Umst\u00e4nden zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umst\u00e4nden zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, da\u00df in seinen Worten irgendetwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.\u00ab<sup><a href=\"#_ftn2\"><b>[2]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Begriffsklarheit ist wichtig f\u00fcr richtige Taten. Dem kann man sicher vorbehaltlos folgen. Was aber ist das mit dem \u201eStrafen\u201c und dem Ausrichten des Volkes? \u00dcberhaupt geht es in dem Buch XIII der \u00a0\u00a0\u201eGespr\u00e4che\u201c mit dem Buchtitel \u201eStaatsregierung\u201c, aus dessen dritten Kapitel die Zitate entnommen sind, um richtiges Regieren in einem sehr hierarchischen System. In diesem System wird vom Untertanen absoluter Gehorsam gefordert. Meister Kong wusste, dass kluges Denken die Voraussetzung f\u00fcr effektive Herrschaft ist. Nichts da also mit allgemeiner Aufkl\u00e4rung. Um Herrschaftswissen ging es in diesem Buch. Und richtiges Wissen ist eine wichtige Herrschaftsgrundlage. Auch das l\u00e4sst sich mitnehmen.<\/p>\n<p>Aber das wissen nicht nur wir. Auf der Internetseite, auf der ich die entsprechenden Zitate nachgeschlagen habe, wurde auch ein Buch aus dem Jahre 2006 mit dem Titel \u201eRichtigstellung\u201c angepriesen. Im Werbetext dazu hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eDie deutsche politisch korrekte &#8218;Neusprache&#8216; strotzt vor Euphemismen und offensichtlichen Tatsachenverdrehungen &#8211; hierf\u00fcr gibt Beispiele zuhauf: Freiheit als Abwesenheit von Zwang wird zur &#8218;positiven Freiheit&#8216; im Sinne von sozialer Sicherheit oder Versorgung \u2026\u201c <sup><a href=\"#_ftn3\"><b>[3]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Bis hierher h\u00f6rt sich das Ganze ja noch recht possierlich an. Aber lesen weiter hinten im Werbetext:<\/p>\n<p>\u201e\u2026 Dieses sozialpolemische Lexikon mit \u00fcber 300 Eintr\u00e4gen, \u2026 erhebt erst gar nicht den Anspruch &#8218;objektiv&#8216; im Sinne von wertfrei zu sein; es sieht sich vielmehr als Aufforderung, f\u00fcr eine R\u00fcckf\u00fchrung des Staates auf ein unumg\u00e4ngliches Minimum einzutreten und versteht sich damit vor allem auch als antib\u00fcrokratisches Lexikon. Im Zusammenhang gelesen, stellt es nichts \u00a0weniger als eine Einf\u00fchrung in die Schule des freiheitlichen Denkens dar.\u201c <sup><a href=\"#_ftn4\"><b>[4]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Wer hier nicht eine neoliberale Philosophie l\u00e4uten h\u00f6rt, ist eventuell schwerh\u00f6rig. \u00dcbrigens handelt es sich bei dem Autor des Buches um Gerd Habermann, Wirtschaftsphilosoph und seit 2003 Honorarprofessor an der Universit\u00e4t Potsdam sowie Initiator und Mitgr\u00fcnder der \u201eFriedrich A. von Hayek-Gesellschaft\u201c und der \u201eFriedrich-August von Hayek-Stiftung f\u00fcr eine freie Gesellschaft\u201c. Und Hayek eben war einer der wichtigsten Vertreter des Neoliberalismus.<\/p>\n<p>Solche Vorst\u00f6\u00dfe neoliberaler Ideologie gibt es viele. In Deutschland zum Beispiel agiert ein \u201eLiberales Netzwerk\u201c zu dessen Kuratoriumsmitgliedern auch sehr lange ein Herr Gauck<sup><a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/sup> z\u00e4hlte, bis er sich erneut beruflich ver\u00e4nderte. Mitglieder<sup><a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/sup> dieses Netzwerkes haben \u00fcbrigens auch die Lesungen eines Herrn Tilo Sarrazin bef\u00f6rdert. Und auf Ihren Internetseiten findet sich eine Vielzahl solcher Ausdeutungen der Begriffswelt. So wird zum Beispiel ein solidarisches Versicherungssystem als G\u00e4ngelung der B\u00fcrger denunziert und die Vertragsfreiheit hochleben gelassen. Hier einige Erg\u00fcsse dazu von Herrn Carlos A. Gebauer (Rechtsanwalt und zeitweise auch beim RTL im Rahmen jener Sendungen zu sehen, unter der der Warnhinweis stehen sollte: \u201eVorsicht, der dauerhafte Konsum dieser Sendungen kann zur totalen Verbl\u00f6dung f\u00fchren\u201c):<\/p>\n<p>\u201eIn der gesetzlichen Krankenversicherung finden wir zun\u00e4chst dieselben Mechanismen wie im Steuerrecht: Es ist kompliziert. Es ist unverst\u00e4ndlich. Es mu\u00df st\u00e4ndig ge\u00e4ndert werden. Aber es dient \u2013 vermeintlich \u2013 dem Allgemeinwohl. Die \u2013 noch immer \u2013 \u00fcberwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt an die Richtigkeit dieser S\u00e4tze. \u2026<\/p>\n<p>\u2026 Worum geht es im Kern? Gesundheit, h\u00f6ren wir immer wieder, sei keine Ware. Sie d\u00fcrfe nicht zu einem Gesch\u00e4ft verkommen. Weil jeder Mensch, egal ob reich oder arm, nur ein Leben und einen K\u00f6rper habe, m\u00fcsse hier absolute Gleichheit herrschen. Jeder habe denselben Anspruch auf medizinische Versorgung und Behandlung. Deswegen m\u00fcssten \u2013 hei\u00dft es ideologiekonform \u2013 individuell-differenzierende, private Vertr\u00e4ge aus diesem Bereich g\u00e4nzlich eliminiert werden. Gesundheitsvorsorge sei also geradezu die elementarste Form der staatlichen Daseinsvorsorge. Nur staatlicher Zwang sichere die gerechte Teilhabe auch der Armen am medizinischen Fortschritt. \u2026<\/p>\n<p>\u2026 Immer dann, wenn das Gesetz Menschen verbietet, freiwillig Vertr\u00e4ge miteinander abschlie\u00dfen zu d\u00fcrfen, verhindert das Gesetz, da\u00df diese m\u00f6glichen Vertragspartner sinnvoll und angemessen miteinander kooperieren, um ein jeder f\u00fcr sich durch diesen Vertrag &#8222;reicher&#8220; zu werden. Denn wie wir gesehen haben, dienen und n\u00fctzen alle Vertr\u00e4ge stets beiden Vertragsparteien. Zwingt man Menschen aber, einen Krankenversicherungsvertrag nicht abzuschlie\u00dfen und stattdessen eine gesetzlich geregelte Kassenl\u00f6sung zu akzeptieren, dann hebelt man genau diesen beiderseitigen Gewinnmechanismus aus.<sup><a href=\"#_ftn7\"><b>[7]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Sch\u00f6n hergeleitet, nicht wahr? Auch die f\u00fcr uns als Bundespr\u00e4sident ausgew\u00e4hlte Pers\u00f6nlichkeit vertritt ja einen Freiheitsbegriff, der staatliche F\u00fcrsorge als Entm\u00fcndigung begreift.<\/p>\n<p>Ohne weiter darauf eingehen zu wollen, m\u00f6chte ich noch darauf hinweisen, dass die Sache mit neoliberalen Grundbegriffen noch viel komplizierter ist. So sind auch etliche Vertreter neoliberalen Denkens zugleich Anh\u00e4nger direkter Demokratie und wollen den Parteieneinfluss zur\u00fcck dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Bis hierher k\u00f6nnen wir aber konstatieren: Klarstellung der Begriffe wird von jeder philosophischen und politischen Schule als Aufgabe von \u00e4u\u00dferster Wichtigkeit verstanden. Dabei sind die Ergebnisse selbstredend \u00e4u\u00dferst gegens\u00e4tzlicher Natur. Begriffe bringen das eigne Weltverst\u00e4ndnis zum Ausdruck.<\/p>\n<h2 align=\"center\">Gleiche Worte stehen nicht immer f\u00fcr gleiche Begriffe, die Begriffe verstecken sich hinter den Worten<\/h2>\n<p>Nun sollte man allerdings nicht Wort (Namen) und Begriffe verwechseln. Begriffe sind nach materialistischer Sicht die ideellen Widerspiegelungen von Objekten, in der Regel sogar von Objektklassen. Sie existieren also nur in unserem Kopf. Durch Worte versuchen wir diese Begriffe f\u00fcr andere bedeutsam zu machen. Das kann zu kuriosen Problemen f\u00fchren, da hinter gleichen Worten durchaus unterschiedliche Begriffe stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies ist mit vor Jahren in einer privaten Diskussion widerfahren: Wir diskutierten den Begriff \u201eEllbogengesellschaft\u201c und die Frage, ob wir in einer solchen leben. Beide lehnte wir zwar eine solche Gesellschaft ab, waren uns aber ansonsten h\u00f6chst uneins. Es dauerte sehr lange, bis ich begriff, dass wir unter dem Wort \u201eEllbogengesellschaft\u201c ganz unterschiedliche Begriffe gefasst hatten. Ich verstand darunter eine Gesellschaft, in der eine Oberschicht ihre nicht durch eigene Arbeit erworbene Macht und Position gnadenlos h\u00e4lt und ausnutzt, und dazu nicht selten auch zu miesen Tricks greift. Mein Gegen\u00fcber verstand darunter eine Gesellschaft, in der die \u201eLeistungsf\u00e4higen und Erfolgreichen\u201c nicht gen\u00fcgend f\u00fcrsorglich zu \u201eVersagern und Schwachen\u201c seien. Mein Gegen\u00fcber sah die Position der Herrschaftsschicht als pers\u00f6nliches Verdienst, ich als eine \u00fcberwiegend ererbte und erkaufte, keinesfalls aber als erarbeitete soziale Rolle. Mein Gegen\u00fcber hatte einfach die b\u00fcrgerliche Position von der Rolle der Pers\u00f6nlichkeit in der Gesellschaft vertreten, die da lautet: \u201eJeder hat die gleichen M\u00f6glichkeiten und jeder ist seines eigenen Gl\u00fcckes Schmied\u201c. Ich dagegen vertrat einen sehr anderen Begriff von der Rolle und den M\u00f6glichkeiten des Menschen in dieser Gesellschaft, wie sie einmal von Dittrich Kittner satirisch dargestellt wurde:<\/p>\n<p>\u201eEs war einmal ein Mann, der war durch eigene H\u00e4nde Arbeit zu gro\u00dfen Reichtum und Wohlstand gekommen. \u2013 Und morgen erz\u00e4hle ich Euch ein anderes M\u00e4rchen.\u201c<\/p>\n<h2 align=\"center\">Soziale Begriffe widerspiegeln auch die Position ihres Tr\u00e4gers<\/h2>\n<p>Nun w\u00e4re es nat\u00fcrlich viel zu kurz gesprungen, allein von L\u00fcge und Manipulation auszugehen, wenn man auf uns entgegengesetzten Begriffskl\u00e4rungen trifft. Und bei einer Reihe von linken Schriften werde ich den Verdacht nicht los, dass deren Autoren genau dieser kurzschl\u00fcssigen Idee folgen. Es ist viel schlimmer: Die Vertreter neoliberaler Sicht glauben vielfach, was sie sagen. Sicher, bei Auseinandersetzungen um gesellschaftlich relevante Themen kann man oft tendenzi\u00f6se \u201eInformationskorrekturen\u201c, L\u00fcge und Manipulation beobachten. Nicht selten habe ich bemerkt, dass in dem Moment, wo Diskutanten die Gegens\u00e4tzlichkeit ihrer Positionen begreifen, jede Sachlichkeit verlorengeht und absolute Rechthaberei mit den Methoden Schopenhauers \u201eEristischer Dialektik\u201c um sich greift (\u201eEristik w\u00e4re demnach die Lehre vom Verfahren der dem Menschen nat\u00fcrlichen Rechthaberei \u2026\u201c<sup><a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a><\/sup>).<\/p>\n<p>Grundlage aller Argumentationen, selbst der hochmanipulativen und verlogenen, sind aber stets die tief im Denken verankerten weltanschaulichen Grundpositionen und diese wiederrum sind Ausdruck der pers\u00f6nlichen Position in der Gesellschaft. Die hinter den Worten steckenden Begrifflichkeiten spiegeln nicht nur die Objekte der Realit\u00e4t wieder, sondern auch die Position ihres Tr\u00e4gers und seine praktische Position zu den Objekten. Und bei sozial relevanten Begriffen ist das eminent.<\/p>\n<p>In der Begriffswelt eines Mitglieds der politischen und \u00f6konomischen Oberklasse kann dessen gehobene Position gar nichts anderes sein als eine verdiente, zustehende Position. Solchen Personen ist es selbstredend v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, dass sich die Mehrheit der Menschheit nicht in solchen komfortablen Positionen befindet. Soziale Begriffe sind nicht unabh\u00e4ngig vom Erkenntnissubjekt, von Klassen-, und Schichtenzugeh\u00f6rigkeiten. An die Wirklichkeit n\u00e4hern wir uns in der praktischen, in Gesellschaft stattfindender T\u00e4tigkeit an und nicht nur abstrakt betrachtend und anschauend. Weltanschauung, \u201eWelt anschauen\u201c, ist immer ein h\u00f6chst praktischer und nicht nur ein rein rezeptiver Vorgang. Und wo die Positionen im gesellschaftlichen Lebensprozess h\u00f6chst unterschiedlich, ja antagonistisch sind, k\u00f6nnen die gewonnenen Begriffe nicht allgemein anerkannt, sondern h\u00f6chstens dominant sein. Wertfreie Begriffe gibt es im sozialen Bereich nicht. Es ist ganz klar: eine Hungernder und ein Gourmet, der sich gerade mal wieder \u00fcberfressen hat, haben vom gleichen vor Ihnen stehenden Kraut-Eintopf einen ganz anderen Begriff: K\u00f6nigliches Mahl versus Fra\u00df. F\u00fcr einen Vermieter f\u00e4llt der K\u00fcndigungsschutz in die begriffliche Kategorie der einengenden Verpflichtungen, f\u00fcr den Mieter aber in den Bereich Sicherheit garantierender sozialer Rechte.<\/p>\n<p>In eingangs erw\u00e4hnten Dokument des Bundesvorstandes wird uns nun eine Auseinandersetzung mit der b\u00fcrgerlichen Begriffswelt zu den Begriffen \u201eInternationalismus\u201c, \u201eMenschenrechte\u201c, \u201eV\u00f6lkerrecht und Frieden\u201c, \u201eRechtstaat und Demokratie\u201c, \u201eFreiheit, Gleichheit, Solidarit\u00e4t\u201c, \u201eZivilgesellschaft\u201c und \u201eGeschichte, Erbe und Wahrheit\u201c vorgelegt. Den Aussagen zu diesen Bereichen kann man in der Mehrheit folgen. Allerdings h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, im Rahmen der Auseinandersetzung in viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe die hinter den Argumenten steckenden tats\u00e4chlichen Begrifflichkeiten heraus-seziert wird.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte das kurz an einem Beispiel darstellen. Im Dokument hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eWenn seitens der Herrschenden von Menschenrechten die Rede ist, geht es vor allem darum, die Gesetze der kapitalistischen Marktwirtschaft als ein Himmel ewiger Werte in den K\u00f6pfen der Menschen zu verankern.\u201c<sup><a href=\"#_ftn9\"><b>[9]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Diesen Satz wird sicher jeder einigerma\u00dfen sozialistisch gebildete Mensch unterschreiben k\u00f6nnen. Es ist aber nur die halbe Wahrheit. Dieser Satz kann leicht zu der Ansicht f\u00fchren, dass die staatliche Auffassung von Menschenrechten eine bewusste F\u00e4lschung ist und deren Vertreter genau wissen, dass diese Auffassung f\u00fcr die Mehrheit der Menschen nachteilig ist. Dem ist aber nicht so. Die Herrschenden sind tats\u00e4chlich \u00fcberzeugt, dass ihre Regeln die besten der Welt sind. Schlie\u00dflich wurden sie in ihren Augen genau durch diese Regeln in ihre Position gehievt. Wie sollte jemand, der tagt\u00e4glich das von Papi ererbte Geld mehrt, auf die Idee kommen, dass die F\u00e4higkeit zur Mehrung des Verm\u00f6gens nicht<br \/>\nin erster Linie mit seiner Pers\u00f6nlichkeit und seinen F\u00e4higkeiten zu tun hat, sondern in erster Linie mit dem ererbten Verm\u00f6gen (und erst in zweiter Linie mit seinen F\u00e4higkeiten). Der Begriff \u201enotwendiges Kapitalminimum\u201c muss dem Stammhalter einer Unternehmerkaste notwendig fremd sein. Und also k\u00f6nnen die Regeln dieser Gesellschaft, die ihnen ihr Verhalten erm\u00f6glicht, nur gut sein. Und demzufolge m\u00fcssen diese Regeln \u00fcberall durchgesetzt werden. Das ist die \u201eDenke\u201c der Herrschenden.<\/p>\n<p>In Bezug auf politische Positionen kann man gleiches beobachten. Auch hier kommt kaum ein Parteipolitiker, auch nur wenige Linke, auf die Idee, das Auf und Ab der W\u00e4hlerstimmen auf das Auf und Ab der soziale Position ihrer Partei unter den gegebenen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr alle Parteien ist es das Wichtigste, \u201erichtig r\u00fcber zu kommen\u201c, bestenfalls bessere Wahlprogramme zu schreiben. Folglich unterscheiden sich auch hier die Vorstellungen der verschiedenen Richtungen hinsichtlich demokratischer Rechte und Formalien im Rahmen der Menschenrechte nicht sonderlich. Ja hinsichtlich \u201edirekter Demokratie\u201c bewegt man sich sogar in der N\u00e4he neoliberaler Ideen. Und man vergisst, dass die Schweiz mit der umfassendsten direkten Demokratie in Europa auch zugleich das konservativste Land ist. Die Ursache hierf\u00fcr liegt darin, dass parlamentarische T\u00e4tigkeit auch linke Politiker zu einem b\u00fcrgerlichen Menschenbild verf\u00fchrt, dass Friedrich Engels so beschrieb:<\/p>\n<p>\u201eWie im modernen Staat vorausgesetzt wird, da\u00df jeder Staatsb\u00fcrger urteilsreif ist \u00fcber alle Fragen, \u00fcber die er abzustimmen hat; wie in der \u00d6konomie annimmt, da\u00df jeder Konsument gr\u00fcndlicher Kenner aller Waren ist, die er zu seinem Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt \u2013 so soll es nun auch in der Wissenschaft gehalten werden. Freiheit der Wissenschaft hei\u00dft, da\u00df man \u00fcber alles schreibt, was man nicht gelernt hat, und dies f\u00fcr die einzige streng wissenschaftliche Methode ausgibt.\u201c<sup><a href=\"#_ftn10\"><b>[10]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>F\u00fchrende Linke haben noch viel zu tun, um sich vom b\u00fcrgerlichen Menschenbild in allen wesentlichen Punkten zu befreien. Bisher ist ihnen das nur sehr partiell gelungen. Und rascher Eintritt in die parlamentarische T\u00e4tigkeit ist hier eher hinderlich als hilfreich.<\/p>\n<p>Und genau das b\u00fcrgerliche Menschenbild kommt zum Vorschein, wenn man die Hierarchie der Einzelrechte in den Menschenrechten seziert. Unsererseits d\u00fcrften die wichtigsten Rechte, die auf Leben, Arbeit und ausreichende Bezahlung sein. Genau diese Rechte sind aber bei den Herrschenden der \u201eGottseibeiuns\u201c. F\u00fcr sie wieder sind die Formalien der Demokratie die wichtigsten. Also bei Wahlen: Aufstellung der Kandidaten in der Regel nur durch gro\u00dfe Parteien, ggf. hohe H\u00fcrden f\u00fcr andere Gruppen und f\u00fcr Parteien neben dem Mainstream, Ungebundenheit der Gew\u00e4hlten (nur ihrem Gewissen verpflichtet, keine Rechenschaftspflicht, keine gebundenen Mandate, keine Abw\u00e4hlbarkeit). All das sind \u201eRechte\u201c, die den Einfluss der Wohlhabenden auf die Politik sichern und die Organisationen des \u201eP\u00f6bels\u201c von der politischen Einflussnahme ausgrenzen.<\/p>\n<h2 align=\"center\">Zu den Beherrschten zu z\u00e4hlen f\u00fchrt nicht zwangsl\u00e4ufig zu\u00a0richtigem\u00a0Denken<\/h2>\n<p>Wir sollten also im Rahmen der Auseinandersetzung die b\u00fcrgerlichen Begrifflichkeiten weniger als Verf\u00e4lschungen darstellen, sondern vielmehr als Ausdruck antagonistischer, \u00f6konomisch bedingter Positionen. Die der Wirklichkeit nicht ad\u00e4quaten Begriffe neoliberaler Weltanschauung resultiert zwangsl\u00e4ufig aus der deren \u00f6konomischer Herrschaftsposition in einer degenerierenden Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wir sollten uns allerdings davor h\u00fcten, dass allein die Position als \u201eBeherrschter\u201c schon ausreicht, um zu Begriffen zu kommen, die die Wirklichkeit ad\u00e4quat widerspiegeln. Unser Bundesvorstand hat sich hier selbst in dem genannten Freidenker einen Ausrutscher geleistet.<\/p>\n<p>An vielen Stellen ist da die Rede von der \u201eKultur der Beherrschten\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn der Kultur der Beherrschten hat die Einforderung von elementaren staatsb\u00fcrgerlichen Rechten \u2026\u201c<sup><a href=\"#_ftn11\"><b>[11]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>\u201eDie Kultur der Beherrschten verteidigt das humanistische Menschenbild der Neuzeit.\u201c<sup><a href=\"#_ftn12\"><b>[12]<\/b><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Nun sind diese S\u00e4tze zweifelsfrei von einem hohen humanistischen Geist gepr\u00e4gt. Aber ich bezweifle, dass der Begriff der \u201eKultur der Beherrschten\u201c wirkliche eine reale Entsprechung hat, dass es so etwas \u00fcberhaupt gibt. Offensichtlich verwechselt unser Bundesvorstand hier \u201elinke Aktivisten\u201c mit \u201eBeherrschten\u201c. \u201eBeherrschte\u201c, das umfasst doch sehr viele gesellschaftliche Schichten: kleine Freiberufler, Arbeiter, Angestellte, leitende Angestellte, Bauern, Arbeitslose, Langzeitarbeitslose, Kinder, ja sogar die Fu\u00dftruppen der Neonazis. Neonazis reagieren auf ihr Beherrschtsein damit, Leute zu finden, die unter ihnen stehen und \u00fcber die sie herrschen k\u00f6nnen, also grundb\u00fcrgerlich. Es d\u00fcrfte klar sein, dass es hier keine gemeinsame Kultur gibt. Es gibt also nichts, was den Namen \u201eKultur der Beherrschten\u201c verdienen w\u00fcrde. Bestenfalls es damit also eine linke Kultur gemeint. Aber auch hier sind die Gemeinsamkeiten leider sehr gering. Das ist ja gerade der Jammer, dass kapitalistische \u00d6konomie \u201edivide et impera\u201c bef\u00f6rdert und neoliberale Politik das mit Vehemenz erfolgreich betreibt. Man schaue sich nur an, wie schwer die Kooperation verschiedener linker Gruppen und wie kompliziert ihr innerer Zusammenhalt ist. Ich denke da nur an unsere eigenen Kooperationsversuche.<\/p>\n<p>Die Verwendung des Begriffs \u201eKultur der Beherrschten\u201c zeugt zwar von einer hochanst\u00e4ndigen Haltung, aber auch leider davon, dass unsere Vorstandsmitglieder die tats\u00e4chliche Struktur dieser Gesellschaft, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, zu wenig erfahren, erlebt bzw. verarbeitet haben.<\/p>\n<h2 align=\"center\">Begriffe werden nicht erdacht, sondern erarbeitet<\/h2>\n<p>Materialistische Begriffsbildung ist also gar nicht so einfach. Es setzt viel voraus: Lebensposition, Wissen, praktische Arbeit, soziales Umfeld. Und damit komme ich wieder auf Lehrmeister Kong zur\u00fcck. Warum zitieren heute viele Leute Konfuzius und besch\u00e4ftigen sich mit seinen Weisheiten? Ganz einfach: weil China in den letzten Jahrzehnten zur Weltmacht, mehr noch zur dynamischsten Macht der Welt geworden ist und keine vern\u00fcnftiger Mensch an diesem Lande mehr vorbei kommt, ohne einen Blick auf dessen Wirtschaft, Kultur und Geschichte zu werfen. Weltanschauliche Bildung setzt auch voraus, geistig bewusst mitten im Leben zu stehen.<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rung und Begriffskl\u00e4rung sollten daher auch f\u00fcr uns nicht in erster Line eine Aufgabe f\u00fcr Belehrungen sein, sondern eine Aufgabe zur Organisation von Bildung und Kultur. Aufkl\u00e4rung ist Mittun, Mitdiskutieren, Mitorganisieren, z. B. auch in unseren Mitgliedergruppen. Aufkl\u00e4rung ist immer Selbstaufkl\u00e4rung durch T\u00e4tigsein in einem geeigneten sozialen Umfeld.<\/p>\n<p>Warum schreibe ich dann eigentlich solche langen Texte? Nun, keinesfalls als Belehrung, sondern als Angebot zur Diskussion und als Einladung zu unseren Treffs &#8230;<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>[1] <a name=\"#_ftn1\"><\/a>Freidenker 4\/12, Seite 5<\/div>\n<div>[2] <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Philosophie\/M\/Kong+Fu+Zi+(Konfuzius)\/Lunyu+-+Gespr%C3%A4che\/Buch+XIII\/3.+Staatsregierung\/3.+Richtigstellung+der+Begriffe\" name=\"#_ftn2\">http:\/\/www.zeno.org\/Philosophie\/M\/Kong+Fu+Zi+(Konfuzius)\/Lunyu+-+Gespr%C3%A4che\/Buch+XIII\/3.+Staatsregierung\/3.+Richtigstellung+der+Begriffe<\/a><\/div>\n<div>[3] <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Shop\/F\/0325-20833501-isbn-3789281824-habermann-gerd-richtigstellung.htm\" name=\"#_ftn3\">http:\/\/www.zeno.org\/Shop\/F\/0325-20833501-isbn-3789281824-habermann-gerd-richtigstellung.htm<\/a><\/div>\n<div>[4]<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Shop\/F\/0325-20833501-isbn-3789281824-habermann-gerd-richtigstellung.htm\" name=\"#_ftn4\">ebenda<\/a><\/div>\n<div>[5] <a href=\"http:\/\/www.libnet.de\/main.aspx\/G\/111327\/L\/1031\/R\/-1\/LT\/116642\/A\/1\/ID\/116647\" name=\"#_ftn5\">http:\/\/www.libnet.de\/main.aspx\/G\/111327\/L\/1031\/R\/-1\/LT\/116642\/A\/1\/ID\/116647<\/a><\/div>\n<div>[6] <a href=\"http:\/\/www.libnet.de\/main.aspx\/G\/111327\/L\/1031\/R\/-1\/LT\/119128\/A\/1\/ID\/118295\" name=\"#_ftn6\">http:\/\/www.libnet.de\/main.aspx\/G\/111327\/L\/1031\/R\/-1\/LT\/119128\/A\/1\/ID\/118295<\/a><\/div>\n<div>[7] <a href=\"http:\/\/www.libnet.de\/main.aspx\/G\/111327\/L\/1031\/R\/-1\/LT\/117483\/A\/1\/ID\/119681\/P\/0\" name=\"#_ftn7\">http:\/\/www.libnet.de\/main.aspx\/G\/111327\/L\/1031\/R\/-1\/LT\/117483\/A\/1\/ID\/119681\/P\/0<\/a><\/div>\n<div>[8] <a name=\"#_ftn8\"><\/a>Arthur Schopenhauer (Autor), Julis Frauenst\u00e4dt (Hrsg.): Aus Arthur Schopenhauers handschriftlichen Nachla\u00df. Leipzig 1864, S. 5.<\/div>\n<div>[9] <a name=\"#_ftn9\"><\/a>Freidenker 4\/12, Seite 8<\/div>\n<div>[10] <a name=\"#_ftn10\"><\/a>MEW Bd. 20, Seite 6, Dietz Verlag Berlin 1972<\/div>\n<div>[11] <a name=\"#_ftn11\"><\/a>Freidenker 4\/12, Seite 12<\/div>\n<div>[12] <a name=\"#_ftn12\"><\/a>Freidenker 4\/12, Seite 14<\/div>\n<\/div>\n<p>In: S\u00e4chsischer Freidenker, Nr. 45, M\u00e4rz 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Peter Andreas Sch\u00f6bel Unser Verband hat sich beim letzten Verbandstag die Aufgabe gestellt, die Richtigstellung wichtiger Begriffe voranzubringen. Ohne Frage, das ist eine notwendige Aufgabe der Aufkl\u00e4rung. Und der Verbandsvorstand hat nun den von ihm selbst initiierten Beschluss verwirklicht, in dem es im Freidenker\u00a04\/12 ein Dokument zur Richtigstellung der Begriffe herausgebracht hat. In diesem Dokument hei\u00dft es: \u201eDeshalb bedeutet Aufkl\u00e4rung f\u00fcr Freidenkerinnen und Freidenker auch, gem\u00e4\u00df der ber\u00fchmten Lehre des chinesischen Weisheitslehrers Konfuzius zu verfahren: Ds\u00ef Lu sprach: \u00bbDer [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[12],"class_list":["post-128","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weltanschauliches","tag-dresden"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=128"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":129,"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128\/revisions\/129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sachsen.freidenker.org\/cms\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}